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Es ist nicht bekannt, seit wann die Wale in Baja California die warmen und flachen Lagunen der Pazifikküste aufsuchen, um sich dort zu vermehren.

Im 19. Jahrhundert wurden die Wale in Baja California in so großer Zahl gejagt, dass sie bereits vom Aussterben bedroht waren. In den 40er Jahren, als die kommerzielle Jagd aufhörte, begannen sie endlich ein neues Leben und die Lagunen, die durch das Abschlachten der Meeressäuger einst Orte blutiger Schauspiele darstellten, wurden wieder zu Tummelplätzen, an denen die Grauwale, welche zu 100% aus Mexiko stammen, eine willkommene Zuflucht fanden.

Die Grauwale der Baja California

Wale in Baja California, die sich beobachten lassen, stellen insbesondere die Grauwale dar. Der Eschrichtius robustus des Pazifiks ist ein Säugetier in der Ordnung der Wale. Wale sind Verwandte von Delfinen und Tümmlern und nutzen, wie alle Mitglieder dieses Ordens, die Echolokalisierung (oder den Biosonar), um zu kommunizieren und zu navigieren. Ein erwachsenes Exemplar erreicht normalerweise eine Länge von ungefähr vierzehn Metern und kann dreißig bis vierzig Tonnen wiegen. Der Grauwal gehört zu der Gruppe der Bartenwale, zu der auch der Blauwal, der Buckelwal und der Südkaper gehören.

Grauwale der Baja California

Um sich zu ernähren, verwenden sie kammähnliche Strukturen aus Keratin: die Barten, welche an ihren Kiefern befestigt sind, um anhand dieser kleine Meeresorganismen wie Krebse und Fische zu filtern, die sich im Schlamm des Meeresbodens sammeln. Die Falten an den Seiten lassen das Maul anschwellen, während sie es mit Wasser füllen. Dank einer starken Muskulatur sprühen sie das Wasser durch die Entlüftung, das große Nasenloch, das sie auf dem Kopf haben, und fangen die Speisereste im Maul ein.

Der Lebenszyklus

Grauwale verbringen die Sommer (von Juli bis September) in den kalten und nahrhaften Gewässern der arktischen Meere im Nordpazifik. Wenn der Winter näher rückt, beginnt eine Reise, die die längste bekannte Wanderung eines Säugetiers darstellt. In knapp zwei Monaten legen sie 8.000 bis 10.000 Kilometer zurück und schwimmen nonstop entlang der Pazifikküste Nordamerikas zu den Küstenlagunen der Halbinsel Baja California.

wale baja california

Im Dezember, nach ihrer Ankunft in der Lagune, beginnen Balz und Paarung, während die Weibchen, die im Jahr zuvor tragend waren, ihre Jungen zur Welt bringen. Die Neugeborenen sind ungefähr 4 Meter lang und können bis zu 600 kg wiegen. Dank der fettreichen Milch ihrer Mütter können sie jedoch 40 kg pro Tag zunehmen.

Es gibt mehrere Gründe, warum die Lagunen von Baja California den idealen Platz für diese wundervolle Begebenheiten repräsentieren: Sie sind von warmen Wüstengebieten umgeben und dank der Sonne und der trockenen Luft verdunstet das Wasser schnell von der Oberfläche, erhöht so den Salzgehalt und folglich die Auftriebskraft. Dies ist ein wichtiges Merkmal für Neugeborene, da sie durch das leichtere Schweben früh schwimmen lernen und ihre Mütter sich nach der langen Reise endlich entspannen können. Tatsächlich bieten die flachen Lagunen Schutz vor Orcas, ihren größten natürlichen Feinden. Glücklicherweise werden sie hier auch vom Menschen noch relativ wenig gestört.

Zwischen Februar und März bewegen sich die Männchen entspannt nach Norden, während die Weibchen und ihre Kälber bis April in den Lagunen verweilen, bevor sie in die kalte arktische See zurückkehren. Die Mütter und ihre Jungen reisen umgeben von anderen Weibchen, um sich gegenseitig Gesellschaft zu leisten und sich vor Orcas zu schützen. Wenn die Kälber ihre erste Wanderung beginnen, können sie bereits eine Länge von 6 Metern erreicht haben.

Die Waljagd

Im Pazifischen Ozean gibt es zwei verschiedene Populationen von Grauwalen: die des Nordwestpazifiks, deren Wanderungsweg im Sommer von der Arktis bis zum Südchinesischen Meer im Winter führt, welches leider immer noch eine große Gefahr für die Meeressäuger darstellt, und die Population des Nordostpazifiks, zu der die glückliche, sicher lebende Walgemeinschaft Baja Californias gehört; was allerdings nicht immer so war.

Grauwale, die im 19. Jahrhundert wegen ihres Fleisches und ihres Fettes, das hauptsächlich als Brennstoff diente, fast ausgerottet wurden, wurden lange Zeit nicht verstanden. Die Meeressäuger erhielten sogar die Bezeichnung “Teufel”, weil sie, wenn sie angegriffen wurden oder ihre Jungtiere in Gefahr waren, dazu neigten, Walfangboote zusammenzustoßen oder gar zu versenken.

1857 überraschte der Walfänger Charles Scammon die Wale in Baja California in den zahlreichen nördlichen Lagunen (Ojo de Liebre oder Scammon Lagoon). Das Massaker, das in den nächsten 12 Jahren verübt wurde, dezimierte die Bevölkerung erheblich. Schätzungen zufolge wurden die Exemplare von 30.000 auf nur 2.000 reduziert, bis die Jagd in diesen Lagunen sich schließlich nicht mehr rentierte.

Freundliche Wale

Es war ein Fischer aus San Ignacio, José Francisco Mayoral, bekannt als Pachico, der sich 1972 zum ersten Mal freundschaftlich einem Grauwal näherte. Als er nach San Ignacio zurückkehrte, erzählte er begeistert, wie die Wale der Baja California ihn zu begrüßen schienen, aber natürlich glaubte ihm niemand. Aber die Geschichten in Baja California verbreiten sich schnell und bald machten andere Fischer ähnliche Erfahrungen und erzählten von Walen, die mit ihnen spielten und sich an ihren Booten und Flößen rieben.

pachico mayoral wale baja california

Aus Neugier begannen um 1980 mehrere Wissenschaftler, die Lagune zu erreichen. Die Wale, die sich den Booten näherten und einen offensichtlichen Wunsch nach menschlichem Kontakt zeigten, wurden bald als “freundlich” bekannt.

Heute ist es nicht ungewöhnlich, dass eine Walmutter ihr Junges ermuntert und zu einem Boot mit Menschen schubst, die es gerne streicheln oder sogar küssen möchten. Wale sind wie Menschen eher neugierig und das Unglaublichste ist, dass die Rollen manchmal vertauscht zu sein scheinen, weil sich jeder gleichzeitig als “Beobachter”, beziehungsweise als “beobachtet” fühlt. Die jungen Wale verbringen in der Regel einige Zeit damit, die Situation zu erkunden, um das Boot herumzuwandern und dann aus dem Wasser zu tauchen und ihr großes Auge auf uns Menschen zu richten, die erstaunt, ungläubig und aufgeregt zurückbleiben. Eine Hand auszustrecken und die gummiartige Haut dieses Meereswesens zu berühren, ist ein magisches Erlebnis, dass Sie auf Ihrer Rundreise in Baja California nicht missen sollten.

Die Walschutzgebiete

1972 erklärte die mexikanische Regierung die Lagunen zu “Schutzgebieten für die Wale”. 1988 wurde das Biosphärenreservat von Vizcaíno gegründet, das größte Schutzgebiet Lateinamerikas, zu dem diese Lagunensysteme gehören.

In den letzten 20 Jahren wurden in den Lagunen der Baja California über 12.000 Grauwale geboren und allein in der Saison zwischen 2014 und 2015 konnten 2.652 Grauwale gesichtet werden.

Die mexikanische Regierung erteilt Ökotourismusunternehmen, die in den Wintermonaten Walbeobachtungstouren anbieten, Sondergenehmigungen. Der Zugang zu den Lagunen wird zum Schutz der Wale bei der Ankunft und zur Verringerung menschlicher Störungen jedes Jahr jedoch erst ab dem ersten Januar gewährt.

Die Wale in Baja California haben somit Zeit und Ruhe, sich zu paaren und ihre Jungen zur Welt zu bringen, wodurch mögliche Unfälle mit Menschen vermieden werden. Die Anzahl der für den Zugang zugelassenen Boote und anderer Sportboote ist streng begrenzt; die Navigation ist lediglich auf bestimmte Beobachtungsbereiche beschränkt und das Verhalten der Anbieter wird streng kontrolliert.

Eine neue Gefahr

Nördlich von Guerrero Negro befindet sich die größte Salzpfanne der Welt, die heute dem japanischen Großkonzern Mitsubishi gehört.

1994 schlug die ESSA (das Unternehmen, dem die Saline gehört) vor, eine neue Anlage zur Gewinnung von Salz an der Küste der Laguna San Ignacio zu errichten: ein noch größeres Projekt als das von Guerrero Negro, welches 16 Dieselpumpen vorsah, um Wasser aus der Lagune zu entfernen, einen kilometerlangen Pier, der sich in den Pazifik hinein erstreckt, um das Salz direkt auf Transportschiffe zu laden sowie kilometerlange Dämme und Pipelines, die die einsame Wüste und das Biosphärenreservat durchqueren.

Die am stärksten von dem Projekt betroffenen Gemeinden lehnten es ab und gaben an, dass das Vorhandensein von Pumpen und Maschinen in den Salinen von Guerrero Negro sich nicht nur nachteilig auf die Wale in der Nähe ihres „Kindergartens“ ausgewirkt hat, sondern auch auf andere Lebensformen dieser unberührten Gewässer, was ihren Lebensunterhalt gefährdet hätte.

Es folgte ein sechsjähriger Kampf, hauptsächlich gegen Mitsubishi, aber da die Unterstützung der Regierung ausblieb und auch Petitionen an diese unbeachtet blieben, bat die lokale Bevölkerung eine Reihe mexikanischer und internationaler Umweltorganisationen um Hilfe.

Save the whales

Anschließend starteten Umweltschützer eine internationale Aufklärungskampagne, die das Schreiben von Briefen, den Boykott von Mitsubishi-Produkten und eine Medienkampagne mit dem Titel “Save the Whales” unter Beteiligung internationaler Prominenter, die zur Rettung der Wale nach Baja California in die Lagune kamen, umfasste.

Im Jahr 2000, auf dem Höhepunkt des Konflikts, ging Präsident Ernesto Zedillo mit seiner Familie in die Lagune, um besser zu verstehen, was all diese Turbulenzen auslöste, und um die mittlerweile berühmten Wale der Baja California zu treffen. Ein paar Minuten, nachdem sie im Beobachtungsgebiet angekommen waren, näherte sich ein kleiner Wal ihrem Boot. Zedillos Frau beugte sich über die Seite des Bootes, küsste die Nase des Wals und brach sofort in Tränen aus.

Sticker. “Save the Whales – 35th Anniversary.” 2010.0106.06. Greenpeace.

In diesem Moment stand Zedillo, der nicht auf die Aufrufe der Gemeinde reagiert hatte, wahrscheinlich mit dem Rücken zur Wand. Nur fünf Tage später, zurück in der Hauptstadt, berief er eine Pressekonferenz ein, um anzukündigen, dass das vorgesehene Projekt der Saline gestoppt werden und die Lagune als nationales Erbe vor Entwicklung und somit vor invasiven Projekten wie der ESSA geschützt würde.

Mit der  Entscheidung wahrte Zedillo wohlmöglich nicht nur sein Gesicht, sondern rettete wahrscheinlich auch seine Ehe. Es wäre inakzeptabel gewesen, einen derartigen Nationalschatz zu gefährden, der ” von Geburt an 100% mexikanisch” ist, wie die Wale der Baja California.

Im Jahr 2005 gründeten fünf NGOs die LSI Conservation Alliance. Dank Spenden konnte das Bündnis mehrere Kilometer Küste im südlichen Teil der Lagune sichern. Im Jahr 2006 verfügte die mexikanische Regierung den Schutz von 65.500 Hektar Bundesland entlang der Westküste. Gegenwärtig versucht die Allianz, Mittel für den Schutz von weiteren 174.000 Hektar, die zu Ejido Emiliano Zapata an der Nordküste der Lagune gehören, aufzubringen.

Das ultimative Ziel ist es, das gesamte Territorium der Lagunenküste für zukünftige Generationen von Mexikanern zu schützen, um so die städtische und industrielle Entwicklung zu unterbinden und nachhaltige, umweltfreundliche Projekte zu ermöglichen.